Adultismus und Macht in pädagogischen Beziehungen

 

 

 

Adultismus in Kindertageseinrichtungen - völliger Quatsch oder alltägliche Praxis?

Ein Artikel von Natalie Papke-Hirsch

Definitionen zu Adultismus und Diskriminierung finden sich reichlich in der Fachliteratur und können gerne nachgeschlagen werden. Ich möchte mit diesem Beitrag einen anderen Zugang wählen, und nicht Begriffe definieren oder Beispiele aufzählen, sondern Reflexionsräume eröffnen und pädagogischen Fachkräften Impulse für ihre Handlungspraxis mit an die Hand geben.

Bin ich gut genug? Bin ich etwas wert? Bin ich zu viel, oder zu wenig? Bin ich zu schwach? Hand aufs Herz – wie häufig stellen Sie sich selbst diese Fragen? Oder vielmehr, wie häufig sagen Sie sich selbst, nicht genug zu sein, nichts wert zu sein, zu viel oder zu wenig zu sein, schwach zu sein? In Worten, die durchaus als sprachliche Gewalt gegen sich selbst definiert sein könnten! Und wie häufig fragen Sie sich, woher diese Art von Selbstabwertung bei Ihnen stammt? 

Höchstwahrscheinlich, und damit möchte ich nicht sagen, dass Ihre Eltern und Bezugspersonen schlechte Menschen sind, doch höchstwahrscheinlich stammen diese, ich nenne sie einmal Selbstzweifel, aus Erfahrungen, die Sie in Ihrer Kindheit gemacht haben. Nämlich immer dann, wenn Erwachsene mit Ihnen in Kommunikation und Interaktion getreten sind. Sie hören es sicherlich nicht gerne, doch als Kind haben Sie dadurch, dass Ihnen Ihre eigenen Emotionen und Gefühle abgesprochen wurden, weil Erwachsene der Meinung waren, es besser zu wissen, Diskriminierung erfahren. Sie haben Adultismus erlebt. So wie alle Kinder vor Ihnen, alle Kinder, die derzeit auf dieser Welt leben und wahrscheinlich alle Kinder erleben werden, die erst noch geboren werden. Es sei denn, wir treten in Selbstreflexive Prozesse und durchbrechen den generationsübergreifenden Zyklus der Duldung und Reproduktion adultistischen Verhaltens.

Adultismus beschreibt eine Machtungleichheit zwischen Erwachsenen und Kindern (auch zwischen älteren und jüngeren Kindern). Oftmals wird diese Ungleichheit damit legitimiert, dass Erwachsene älter, größer, erfahrener sind als Kinder. Adultismus ist eine Unterdrückungsform, welche wir verinnerlichen, und dadurch den Zugang zu anderen Unterdrückungsformen (wie Rassismus, Sexismus, Homophobie etc.) erleichtern.

Die Auswirkungen von Adultismus zeigen sich bei Kindern auch „gegen sich selbst“. Das heißt, sie verinnerlichen die Unterdrückung, sie nehmen an und auf, was Erwachsene ihnen über sie, ihre Bedürfnisse, Gefühle, Intelligenz etc. vermitteln – und glauben, tatsächlich weniger wert, weniger kompetent und weniger vertrauenswürdig zu sein.

(Sie erinnern sich an meine Frage, woher Ihre Selbstzweifel rühren?)

 

Auswirkungen von Adultismus

Das ständige und stetige Erleben dieser Unterdrückungsform kann dazu führen, dass junge Kinder schon sehr früh verinnerlichen, weniger wert zu sein als Erwachsene – das heißt, Adultismus hat negative und vor allem auch nachhaltige Auswirkungen auf die Entwicklung des Selbstwertes von jungen Menschen. Insgesamt kann sich das Erleben von Adultismus in konträren Verhaltensmustern zeigen: Kinder werden ruhig, in sich gekehrt, ängstlich – oder aber sie rebellieren, sind laut und „fallen auf“.

Doch, was hat Adultismus mit Macht in pädagogischen Beziehungen zu tun? Haben pädagogische Fachkräfte wirklich Macht über Kinder? Ja! Als Erwachsene haben wir die Möglichkeit, Macht über jüngere Menschen auszuüben, einfach so, weil wir älter sind als sie. Und Kinder dulden und akzeptieren unsere Macht und stimmen dem zu, was wir sagen oder verlangen und befolgen unseren Willen und unser Handeln (vgl. Hansen et al. 2011, S. 27), weil wir für sie Vertrauenspersonen sind. Und dieses Vertrauen nutzen wir Erwachsenen häufig, wenn auch unbewusst und unbeabsichtigt, aus.

 

Wie äußert sich Adultismus im Kita-Alltag?

Vieles von dem, was wir in der täglichen Interaktion und Kommunikation zwischen Erwachsenen und Kindern beobachten können, ist Adultismus. Beispiele lassen sich reichlich finden, wenn wir den Blick in die Praxis wagen und adultistisches Verhalten tatsächlich als solches benennen. Doch statt diese explizit aufzuzeigen, stelle ich Ihnen einige Fragen:

  • Gelten die Regeln der Einrichtung nur für Kinder, nicht aber für die Fachkräfte?
  • Werden Kinder ungefragt angefasst, umarmt, hochgehoben?
  • Wie gestaltet sich der Umgang mit den Gefühlen der Kinder? Nehmen wir diese ernst? Sprechen wir Kindern ihre Gefühle ab – etwa mit dem Satz „Das war doch jetzt gar nicht so schlimm“?
  • Erhalten alle Kinder gleichermaßen Zugang zu allen Spielen, Materialien etc. – immer dann, wenn sie diese nutzen möchten?
  • Sagen wir Kindern, was sie brauchen, oder fragen wir sie danach und nehmen ihre Antwort ernst?

Ganz ehrlich: Wie haben Sie geantwortet? Mit Fragen wie diesen gelingt es uns, unsere Handlungspraxis in den Einrichtungen zu reflektieren und Adultismus zu minimieren.

 

Was tun gegen Adultismus?

Wie durchbrechen wir also diesen generationsübergreifenden, nicht beabsichtigten Zyklus der Reproduktion von Adultismus? Einen möglichen Ansatz bieten folgende 4 Schritte:

  • Eigenes Heranwachsen und die eigenen Vorurteile gegenüber Kindern (unser Bild vom Kind) reflektieren
  • Mit unseren Vorurteilen gegenüber Kindern verknüpfte Gefühle in Verbindung mit dem eigenen Handeln bringen
  • Adultistisches Verhalten benennen und diesem konstruktiv entgegenwirken (bewusste Sprache, Gestik, Mimik etc.)
  • Verantwortungsbewusster Umgang mit der eigenen Macht: Reflexion darüber, wie viel Macht abgegeben wird, so dass Kinder selbstbestimmt und mitbestimmend ihren (Kita-)Alltag betreffend Entscheidungen treffen können.

Klingt einfach, ist es nicht. Die Reflexion unserer Erfahrungen, das Durchbrechen und Verändern unserer Verhaltens-/ Handlungsmuster und unserer Sprache ist ein stetiger Prozess. Es gilt, in einem inneren Dialog mit sich selbst zu sein und sich selbst in einer achtsamen Sprache als fehlerfreundliche  Lernende zu verstehen Ihre Sprache, Ihr Verhalten wird sich nicht von heute auf morgen ändern – Sie werden sich dabei ertappen, wie sie bekannte Äußerungen aussprechen oder in veraltete Handlungsmuster zurückfallen. – Doch wenn Sie sich selbst sensibel darauf aufmerksam machen, um dann wiederum sensibel und feinfühlig in einen Dialog mit den Kindern zu gehen, sind Sie auf dem richtigen Weg und einen großen Schritt weiter in Ihrem Prozess, Adultismus nicht stetig zu reproduzieren.

 

Zur Person: 

Natalie Papke-Hirsch ist Sozialpädagogin, Kita-Bildungsreferentin sowie Coach und Mentorin für pädagogische Fach- und Führungskräfte. Ihre Fortbildungsschwerpunkte liegen auf den Themen Differenzsensibilität und Diskriminierungskritik, Kinderstube der Demokratie, Partizipation und Beschwerdemanagement und Zusammenarbeit mit Eltern und Familien. Neben Einzelcoachings, ist Natalie auch in Kita-Teams als Team-(Konflikt)Coach und Supervisorin tätig und arbeitet an der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes als Lehrbeauftragte zu unterschiedlichen Themenschwerpunkten. 

Bei Interesse an weiteren Impulsen und Reflexionsfragen zum Thema Adultismus ist Natalie Papke-Hirsch via ihrer Website www.nataliepapkehirsch.de zu erreichen.