Unfog your Mind und finde den Bluebird-Modus

Ein Interview mit Bestsellerautor und Speaker Leander Greitemann

 

Wie schafft man es in einem stressigen, tendenziell eher lauten Berufsfeld, indem es ja auch immer um andere (Kinder) geht, einen klaren Kopf zu behalten?

Ich glaube, die wichtigste Voraussetzung dafür, einen klaren Kopf bei der Arbeit zu behalten, ist, dass es nicht auch noch im eigenen Inneren zusätzlich laut ist. Wenn es innerlich ruhig ist, können wir viel eher bei uns bleiben, als wenn es total laut ist. Mit laut im Kopf meine ich viele anstrengende Gedanken, viel Stress, einfach viele Gedanken, die nicht hilfreich in stressigen Momenten sind, die dann aber noch obendrauf kommen. 

Mich schreit beispielsweise jemand an. Dann ist da erstmal nur ein lautes Geräusch, was wahrscheinlich in den seltensten Fällen wirklich angenehm ist. Aber richtig unangenehm wird es, wenn ich mich dazu selber auch noch anschreie. Heißt,  wenn ich mich dann innerlich auch noch fertig mache oder gedanklich zurückschreie - dann wird es so richtig laut. Hilfreich ist es dann, sich diese Gedanken mal anzuschauen. Die können ganz unterschiedlich sein: “Mein Job ist eigentlich in Ordnung, aber die blöden Kinder oder die blöden Kollegen, mit denen ich zusammenarbeite, machen es mir so schwer.'' “Hätte ich mal was Anderes gelernt.” “Ich habe das nicht im Griff, ich bin nicht gut genug, denn ich  sollte es im Griff haben.”

Das sind alles Glaubenssätze, die einfach nicht hilfreich sind, wenn es ohnehin laut ist.  Außen ist also offensichtlich Chaos und Lautstärke, vielleicht ausgelöst durch Wut, Enttäuschung oder Trauer. Keine Ahnung, was da alles draußen so los ist. Doch was, wenn es mir gelingt, nicht im Widerstand dagegen zu sein und zu akzeptieren, dass die Situation gerade so ist, wie sie ist? Was ist, wenn ich das laut werden ganz bewusst einsetze, weil es gerade in der Situation wichtig ist? 

Dann kommt die Lautstärke von mir, aber aus einer inneren Ruhe heraus und aus einer inneren, ganz bewussten Entscheidung. Es braucht mich jetzt schreiend, um hier Stille hineinzubekommen. Das ist etwas anderes, als aus Verzweiflung , aus Hilflosigkeit, Wut, Angst oder Trauer zu schreien oder weil ich nicht mehr anders kann.  Im Endeffekt macht es mich so  freier in meinen Verhaltensweisen und in meiner Reaktion auf die Situation. Ich glaube, großes Chaos macht immer ein bisschen was mit uns. Aber es ist die Frage: “Lasse ich mich wirklich vom Chaos vereinnahmen oder ruht  zumindest ein kleiner Teil in mir?”  Bin ich in Kontakt mit dieser Ruhe, die irgendwo ganz tief unten immer da ist, die aber häufig durch irgendwelche Gedanken und Glaubenssätze überschüttet wird.

Personalmangel, Eltern, Ansprüche, Anforderungen und wenig Zeit Wie motiviere ich mich jeden Tag aufs Neue?

Es gibt Tage, an denen jeder in der Selbstbeobachtung feststellen kann, dass alles total laut ist. Die Eltern wollen beispielsweise viel von mir und das ist die absolute Anstrengung im Außen. Ich bin aber so bei mir,  so ausgeruht, dass ich es schaffe, total gelassen und motiviert damit umzugehen. Dann gibt es andere Tage, an denen es im Außen laut ist  und ich damit überhaupt nicht umgehen kann. Aber es  kann ja nicht die Außenwelt alleine dafür verantwortlich sein, ob ich weiterhin motiviert bin und bei mir bleibe, weil ich manchmal zu 100 % anders auf die komplett gleiche Außenwelt reagiere. 

Die Gedanken, die ich mir machen, suche ich mir auch nicht alle aus. Trotzdem ist es genauso mein Anteil, meinen Gedanken so viel Raum zu geben,  dass ich nicht mehr motiviert bin oder ich keine Freude mehr an meiner Arbeit habe, weil ich Gedanken im Kopf habe, die ungnädig und verurteilend sind und in die ich vielleicht sogar schon etwas rein deute. 

Es kommt zum Beispiel irgendein Elternteil auf mich zu und  je nachdem, wie meine innere Verfassung gearde ist, kommt direkt ein Gedanke von “Scheiße, jetzt die schon wieder. Jetzt wollen die bestimmt wieder meckern oder wollen doch wieder etwas Anderes.” Mit dieser Haltung begegne ich dem Elternteil dann und trage das auch nach außen, weil man es mir optisch ansieht. Mein Gesichtszüge sind vielleicht leicht verhärmt oder meine Körperhaltung zeigt meine komplette Anspannung. Dadurch fühlt sich mein Gegenüber dann vielleicht auch irritiert, obwohl es vorher vielleicht gar nichts Negatives sagen wollte. Das ist einfach ein komischer Gesprächseinstieg und auf einmal habe ich dann doch einen Konflikt, den ich eigentlich nie gehabt hätte. 

Im Endeffekt sehe ich bei den meisten Schwierigkeiten, die wir so im Leben haben, vor allem diese Natur. Also der alltägliche Arbeitsstress und Beziehungsstress. Diese alltäglichen kleinen sozialen Probleme lassen sich eigentlich in fast 99,9 % der Fälle auf anstrengende Gedanken zurückführen und weniger auf die Person selbst. Wenn es mir gelingt, einfach voll im Einklang mit dem Moment zu sein, so wie er sich gerade offenbart, so wie es mir gerade in dem Moment möglich ist, dann ist da vielleicht immer noch viel Durcheinander und Tumult. Aber dann nehme ich es  eben nicht mehr als Bedrohung,  Stress oder als Angriff auf mich wahr, sondern als eine Situation, mit der ich umgehen kann. 

Eine Situation, inder ich dann überlegen kann, was ich mache, und  ich vielleicht auch mal über meine eigenen Bedürfnisse reden darf. Wenn zum 17 Mal das gleiche Elternteil auf mich zukommt und mir irgendwelche Vorwürfe macht, dann kann ich darüber sagen: “Sag mal, kann ich jetzt zum 17 Mal mein eigenes Bedürfnis benennen, dass ihr mir mehr Vertrauen entgegenbringt?'' Dann kann ich trotzdem darüber reden, aber eben  aus einer ganz anderen Haltung heraus, als wenn ich der anderen Person die Schuld gebe. 

Ich glaube, es gibt für einzelne Situationen weniger hilfreiche und hilfreiche Gedanken. Wenn ich in allen Menschen um mich herum meine Feinde sehe, die es auf mich abgesehen haben, dann ist das vermutlich eine anstrengendere Existenz, als die Menschen und deren Geschichte hinter einer Situation zu sehen und zu versuchen, sie zu verstehen. Was ist der Antrieb der anderen Person? Handelt sie vielleicht nur aus Liebe, aus Unsicherheit oder aus einer Verletzung, die sie selbst erfahren hat?

Es gibt diesen schönen Satz von Abraham Lincoln, den ich in diesem Zusammenhang auch sehr passend bzw. sehr hilfreich  im Umgang damit finde. Er lautet: Ich mag diese Person nicht, ich glaube, ich muss sie besser kennenlernen. Und ich glaube, wenn wir wüssten, was in den Menschen vorgeht und was deren Antrieb, deren Motivation, deren Befürchtung ist, was deren Ängste und was genau deren Geschichte ist, dann könnten wir nicht mehr wirklich böse auf sie sein. Dann würden wir verstehen, warum sie gerade so handeln und es auch nicht immer alles persönlich nehmen. 

Und wenn wir das mehr sehen, dann können wir, glaube ich, viel schneller verzeihen, viel schneller Mitgefühl zeigen, anstatt andere zu verurteilen. Und zwar nicht, weil wir alle Samariter sind, sondern weil wir feststellen, dass es uns selbst damit besser geht. Wenn ich selber in meiner Mitte bin, dann habe ich die Kraft, daraus keinen Konflikt werden zu lassen, sondern einfach nur zu sagen: “Das tut weh” und offen über meine Gefühle zu sprechen, ohne den anderen als schlechten Mensch zu verurteilen.

Wie identifiziere ich meine Denkmuster? Wie kann ich sie lösen?

Ich denke, wir nehmen unsere negativen Gedanken viel zu ernst, geben ihnen viel zu viel Gewicht  und verlieren uns total in ihnen. Im ersten Schritt sollte man daher seine Gedanken erstmal bewusst wahrnehmen, um überhaupt mal mitzukriegen, was man da so alles denkt. Ganz häufig sind wir so im alltäglichen Gewusel verloren, dass wir überhaupt gar nicht mitbekommen, was wir denken und das auch gar nicht so richtig verstehen. Woher kommt denn dieser Gedanke?  

Manchmal steht über einem Gedanken noch ein größerer Gedanke,  nämlich der Perfektionismus, der mich in den Wahnsinn treibt. Aber natürlich denke ich nicht, ICH MUSS PERFEKT SEIN,  also in Großbuchstaben, sondern es sindeher Ängste wie “Oh Gott, wenn ich einen Fehler mache, lieben die mich nicht.” Aber auch das denke ich ja nicht eins zu eins so, sondern es sind subtile Befürchtungen im Alltag.

In meinem Buch nenne ich dieses Wortspiel  ,,Gedanken wahrzunehmen, aber nicht für wahr zu nehmen”. Sie nicht für wahr zu halten, sie aber zu sehen, also nicht wegzudrücken. Auf Instagram zum Beispiel finde ich die Grundintention von “Only good times” super. Wenn man jetzt aber versucht gar nichts mehr Negatives zu denken, wird man auch ziemlich sicher scheitern. Trotzdem müssen wir da mehr ins Gleichgewicht kommen, da in unserer Kultur eher das Motto “Think Negative” vorherrscht. Wir bestätigen uns gegenseitig immer eher wie schlecht das Leben ist und wie blöd alles läuft. Da ein positives Gegengewicht zu haben ist also wichtig, um am Ende ins Gedanken-Gleichgewicht zu kommen. 

Trotzdem haben wir alle wahnsinnig viele Gedanken.  Ich darf sie alle sehen und wahrnehmen und spüren. Ich darf sie spüren, die Trauer spüren und die Wut, aber ich sollte es nicht so verdammt ernst nehmen oder jedem Gedanken so eine große Bedeutung andichten. Denn vor allem die Geschichten, die ich mir über andere erzähle, sind in den meisten Fällen einfach totaler Quatsch. 

“Das hat sie doch jetzt bestimmt gemacht, um mir eins auszuwischen, denn vor drei Jahren habe ich mal was gesagt, was sie nicht gut fand.” Wir sind so großartig darin, irgendwo Bedeutung rein zu lesen, wo keine Bedeutung ist. Anstatt dass wir dann den Mut zusammennehmen und ehrlich auf die Person zugehen und nachfragen, spinnen wir die Geschichte weiter und verlieren uns in unseren Urteilen über andere Menschen. Sowas passiert auch immer wieder in weniger engen Kreisen, wie zum Beispiel  unter Kollegen. Dann erzählen wir lieber anderen Leuten Geschichten, um noch mehr Verbündete um uns zu einen und uns die Bestätigung zu holen, dass diese eine Person ja wirklich ein schlechter Mensch und total blöd ist. Aber es wäre eigentlich viel besser, diese Geschichte ehrlich mit der anderen Person zu überprüfen und dann loszulassen. Und zwar nicht anklagend, sondern neugierig. 

Ich kann aus meiner eigenen Erfahrung, aus den Erfahrungen von meinen Seminarteilnehmer:innen und sonstigen Menschen mit denen ich zusammenarbeite, sagen, dass wenn man anfängt, seine eigenen Geschichten zu prüfen, herausfindet, wie daneben man mit seinen Gedanken liegt. Wenn wir unsere Gedanken also nicht mehr so ernst nehmen und sie nicht alle glauben, können wir Stück für Stück wirklich anders durch das Leben gehen. Gedanken dürfen und werden natürlich weiterhin kommen. Die Frage ist aber jetzt:  Verliere ich mich in dem Gedanken oder kommt in dem Moment auch die Frage “Warum denke ich denn jetzt gerade so?” Dann schaue ich mir das an und bin im Zweifel erstmal skeptisch diesem Gedanken gegenüber. 

Manchmal hat man auch mal nicht die Möglichkeit. Manchmal ist man so verloren in der Geschichte über eine Person, dass man noch nicht mal mitkriegt, dass es eine Geschichte ist. Aber wenn ich die Möglichkeit habe, mir über eine andere Person entweder eine extrem gnädige oder extrem ungnädige Version der Geschichte zu erzählen, nehme ich immer viel lieber die Gnädige, einfach weil es mir damit besser geht.

Jeder kennt es ja. Man nimmt sich was vor, aber findet dann doch eine Ausrede. Wie löst man dieses Problem?

Dass wir Sachen nicht anfangen, ist häufig ein doppelter Trick des Verstandes, weil wir uns mal wieder Geschichten darüber erzählen. Ich will eigentlich bei der Arbeit eine Kollegin ansprechen, die beiläufig einen Kommentar fallen gelassen hat. Ich nehme mir fest vor,  sie nur kurz im Gang anzusprechen und zu fragen. “Können wir da nochmal kurz drüber reden?'', "Ich habe da irgendwie noch ein ungelöstes Gefühl.” Und warum mache ich es nicht? Weil ich mir wieder Geschichten darüber erzähle, was passieren könnte. “Oh, das findet die bestimmt total blöd. Was ist, wenn sie das dann anderen erzählt? Was ist, wenn das wahr ist, wenn die wirklich so blöd ist, wie ich vermute? Was ist, wenn ich rot werde? Was ist, wenn ich ins Stammeln komme? “Was ist, wenn ich meinen Job verliere?” 

Eigentlich ist es fast immer so, dass wir Angst davor haben, etwas zu machen, was wir vielleicht vorher noch nicht gemacht haben. Sei es jemanden anzusprechen, nach einer Gehaltserhöhung zu fragen oder einen Vortrag zu halten. Und das kommt, weil wir uns Geschichten darüber erzählen, was alles passieren kann. Aber das Gute ist eben, dass ich die Geschichten überprüfen kann. Im Prinzip kommt man von Gesichten über eine Person zu Geschichten, die ich mir über das Leben erzähle. Ob die dann stimmen, kann ich nur übers Tun herausfinden. Das sollte man immer mal wieder machen, vielleicht auch im Kleinen. 

Es muss ja nicht direkt der Vortrag vor versammelter Mannschaft sein, wenn ich das noch nie gemacht habe. Wenn ich auf der Arbeit zum ersten Mal meine Gefühle teilen möchte, muss ich nicht direkt zum cholerischen Chef gehen, der mich immer zusammenfaltet.  Ich muss es ja nicht direkt übertreiben, ich kann das ja auch im Kleinen üben. Es ist wie beim Snowboarden. Wenn du einen Rückwärtssalto übst, dann fährst du dafür ja auch nicht auf den größten Berg mit vereister Piste, sondern suchst dir einen Ort, wo Tiefschnee liegt und nichts passiert, wenn du kopfüber landest. 

Man kann zum Testen auch einfach mal jemandem zufällig ein Kompliment machen, wenn man sich gerade danach fühlt. So häufig denken wir tolle Sachen über andere Menschen und sprechen es nicht aus, weil es nicht Teil unserer Kultur ist. Neulich hatte ich einen Schaffner, der so herzlich und menschlich war und einfach gute Laune versprüht hat. Das hat mir richtig gut gefallen, aber es ist bei uns einfach nicht ganz selbstverständlich, dass ich das einfach mal sage. Ich habe direkt gedacht, dass es ja vielleicht blöd rüberkommen könnte und das dann unangenehm für ihn ist. Das möchte ich natürlich nicht. Dann habe ich trotzdem kurz Anlauf genommen und ihm gesagt: "Übrigens, die Art, wie Sie Ihren Job machen und welche Energie Sie hier im Zug versprühen, finde ich so großartig.” “Das ist so toll und einfach, danke dafür!''  Da war er ganz gerührt, ich war gerührt und dann sind noch andere eingestiegen, die auch bestätigt haben, wie toll er seine Arbeit macht. 

Wenn wir diese Erfahrung, dass unsere gedanklichen Hochrechnungen in der Regel nicht stimmen, immer wieder machen,  werden wir Stück für Stück freier. Wir sollten also viel mehr experimentieren und viel mehr Sachen machen, von denen wir vorher nicht wissen, wie sie werden oder von denen wir uns vorher eigentlich sicher waren, dass sie fürchterlich werden. Wir sollten viel mehr denken: “Ich probiere das jetzt einfach mal!” Keine Ahnung, wie das wird. 

Eigentlich ist es auch egal , ob es funktioniert oder nicht,  ob unser Chef uns  total anbrüllt, wenn wir  über unsere Gefühle reden und sagen, was das mit uns macht. Wir können  nicht bewerten, ob es eine gute oder eine schlechte Idee war. Es kann sein, dass man selbst in fünf Jahren aus dieser Erfahrung etwas Tolles ziehst. Es kann  auch sein, dass es erst total toll ist und dann wieder Mist. Oder es ist wird erst toll, dann blöd und dann doch wieder toll. Leider machen wir oft auf abgeschlossene Ereignisse ganz einfach ein Label drauf. Das war hilfreich und das weniger hilfreich. Das war gut und das war schlecht. Der Mensch ist gut, der Mensch ist schlecht. 

Das Leben ist aber so komplex und so multikausal mit der Vergangenheit, der Zukunft und anderen Menschen verwoben, dass wir gar keine Chance haben, alles zu überblicken oder irgendwie zu bewerten. Dann hängt die eigene Bewertung immer noch davon ab, wie es mir genau an dem Tag geht. Daher ist es auf so vielen Ebenen komplett müßig zu sagen, ob etwas eine gute oder eine schlechte Entscheidung war. Man sollte sich davon lösen und einfach sagen: Ich mache das jetzt, weil es sich gut anfühlt. Ich mache das jetzt, weil es sich richtig anfühlt und weil ich das Gefühl habe. dass es besser ist, dass ich dieses Thema anspreche, als es nicht zu tun. 

Ich brauche vielleicht einen kleinen Schubs, aber in dem Moment, in dem ich es gesagt habe, ist es raus und in Ordnung. Das macht glaube ich wahnsinnig frei, wenn wir nicht mehr das Gefühl haben, wir müssen Sachen immer richtig machen oder Sachen sind entweder richtig oder falsch. Ich versuche natürlich auch Sachen zu machen, die mir und anderen gut tun. Aber ob das dann wirklich so kommt, ob die andere Person das schätzen kann, ob das für die andere Person gerade das Richtige ist, das kann ich niemals wissen. Ich glaube, wir können da nur unser Bestes versuchen.

Was ist denn der Bluebird-Modus?

Der Bluebird-Modus ist im Prinzip diese innere Stille oder dieses Bei-sich-sein, über das ich gesprochen habe. In der Geschichte der Menschheit  gibt es zahllose Begriffe für den Bluebird-Modus. Weil ich Snowboard fahre, habe ich eine Snowboard Metapher genommen.  Der Begriff "Bluebird'' ist im englischsprachigen Raum vor allem beim Freestyle Snowboard bekannt. Auch im deutschsprachigen Raum steht der Begriff für Kaiserwetter, also für einen perfekt blauen Himmel.

Die Idee dieses Bildes ist, dass, je nachdem wie hoch ich in die Berge fahre, der Himmel immer irgendwo blau ist. Wenn es also gerade nicht blau ist, muss ich einfach einen höheren Berg finden, weil der Himmel über den Wolken immer blau ist. Will heißen, irgendwo in uns ist immer ein Ort der Stille und des Friedens. Das komplette Tal kann im Nebel sein, aber dann fährst du mit der Gondel durch den Nebel und stellst fest, dass es ja doch irgendwo blau ist. 

Diese Annahme gibt es eigentlich in allen großen Denkrichtungen und allen Weltreligionen. Im Christentum, Judentum, Islam, Buddhismus, und besonders im Hinduismus.  Dieses Bild davon, dass ein Teil von uns alles, also auch diese verurteilenden Gedanken irgendwie mitkriegt und beobachtet. Es muss einen Ort der Stille in uns geben, denn wenn es keine Stille gibt, also keinen Referenzrahmen, dann kann ich Bewegung und Unterschiede überhaupt nicht wahrnehmen. Ich kann Wut nur wahrnehmen, wenn es einen Teil in mir gibt, der nicht wütend ist. Sonst würde ich gar nicht erkennen, dass da Wut ist. Manchmal sind unsere Gedanken so stark, so laut und dunkel, dass dieser Teil der Stille in uns so klein ist, dass wir Schwierigkeiten haben, ihn überhaupt wahrzunehmen. 

Aber wenn ich wirklich ganz präsent im Moment bin, dann habe ich immer Zugang zu dem Teil in mir, in dem der Himmel blau ist, dem Ort der Stille. Dort herrscht Frieden, egal in welcher Situation. Dort kann ich alles mit mehr Distanz aus einer grundlegend anderen Perspektive betrachten. Nur so sehe ich das Durcheinander in meinem Kopf. So verändert sich die Qualität der Verzweiflung, vom Stress und von der Wut, weil ich mich nicht mehr darin verliere oder dagegen ankämpfe, sondern weil es in Ordnung ist, dass da gerade Trauer in mir ist. Aus dem Ort der Stille in mir kann ich die Verwirrung und die Trauer akzeptieren und spüren, aber ich verliere mich nicht in ihr. Sie ist einfach nur da und sie darf auch da sein. Dann darf sie auch wieder gehen, wenn sie wieder gehen möchte. Dann kommt der nächste Gedanke rein, der anstrengend, verurteilend und ungeheuerlich ist und auch der darf da sein und kann auch wieder gehen. 

Wenn wir das wirklich wach und bewusste mitbekommenl und die Menschen um unser herum und den Moment mitbekommen und uns nicht in Gedanken über Zukunft und Vergangenheit verlieren, sondern voll da sind und aus einer inneren Kraft und Präsenz heraus handeln, dann handeln wir aus dem Bluebird-Modus heraus. Der Bluebird-Modus ist etwas, das sich auch gar nicht zu 100% mit dem Verstand greifen lässt, weil es so fernab des Denkens ist. Es ist eher ein Fühlen, ein Hinschauen und Spüren und weniger eine mathematische Gleichung lösen. Es ist ein Bewusstsein, was den Verstand übersteigt und ihn bei der Arbeit beobachtet.

 

Zur Person: 

Leander Govinda Greitemann ist Speaker, Autor und Coach für Lebensphilosophie. Seinen ersten lebensphilosophischen Vortrag hielt er bereits in der Schule. Seither steht der studierte Soziologe und Philosoph auf großen Bühnen (u.A. Telekom, LinkedIn, TEDx, Gedankentanken), in kleinen Seminarräumen und hat 2020 sein erstes Buch „Unfog Your Mind“ veröffentlicht, welches ein Bestseller wurde.

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 Foto: Lisa Marie Hecht

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